Sitzenbleiben – Pro und Kontra

17.10.2017

Der Komponist Richard Wagner, der Schriftsteller Thomas Mann und der Naturwissenschaftler Albert Einstein – alle 3 haben eines gemeinsam: Sie sind in ihrer Schulkarriere einmal sitzengeblieben. Wären diese Genies heute im schulpflichtigen Alter, könnten sie ihre Karriere vielleicht ein Jahr früher starten. Denn die ersten Bundesländer verzichten künftig auf diese Regelung, die bei schlechten Noten greift. Doch nicht bei allen Gruppen stößt die Abschaffung des Sitzenbleibens auf Zustimmung.

Hohe Wiederholerquote im internationalen Vergleich

Im internationalen Vergleich ist die Quote derjenigen, die eine Jahrgangsstufe wiederholen müssen, in Deutschland hoch. Jedes Jahr bleiben hier etwa 250.000 Schüler sitzen. 2008/09 scheiterte jeder 50. Schüler in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit seinen Noten an der Versetzung. Die Quote der Wiederholer reicht dabei von 3,6 % in Bayern bis 1,4 % in Baden-Württemberg.

In Berlin Wiederholen nur noch freiwillig

Nun hat sich Berlin als erstes Bundesland von der Ehrenrunde verabschiedet. In den neuen Sekundarschulen, die Haupt- und Realschulen zusammenfassen, gibt es ab diesem Schuljahr kein Sitzenbleiben mehr. Wiederholen ist hier nur noch möglich, wenn es entweder auf freiwilliger Basis geschieht oder eine Bildungs- und Erziehungsvereinbarung zwischen Eltern und Schule vorliegt. Peter Sinram von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft meint: „Alle Kinder haben ihr eigenes Lerntempo. Sitzenbleiben führt zur sozialen Stigmatisierung, da es ein Misserfolgserlebnis für den betroffenen Schüler ist.“

Punktueller Rückzug

Auch in Hamburg wird das Sitzenbleiben, beginnend mit der 7. Klasse, schrittweise abgeschafft. Bereits dieses Schuljahr gibt es in dieser Jahrgangsstufe keine Ehrenrunden mehr. Nächstes Schuljahr greift die Regelung dann auf die 8. Klasse über. Andere Bundesländer haben die Bestimmungen inzwischen gelockert. In Schleswig-Holstein gibt es Sitzenbleiben beispielsweise nur noch beim Übergang von der 6. in die 7. und von der 9. in die 10. Klasse. Um zu vermeiden, dass ein Schüler „hängen bleibt“, bieten mehrere Bundesländer inzwischen auch Nachprüfungen an. Die Meinungen unter den Wissenschaftlern gehen auseinander.

Gegner aus der Wissenschaft: teuer und unwirksam

Befürworter der Abschaffung betonen, dass es nur in dem Wiederholungsjahr eine empirisch belegbare Verbesserung beim Schüler gibt, die aber im folgenden Jahr wieder verpufft. Die Verfasser einer von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebenen Studie kommen außerdem zu dem Schluss, dass die Regelung „teuer und unwirksam“ sei. Das Sitzenbleiben kostet den Steuerzahler laut dem Essener Bildungsforscher Klaus Klemm aufgrund des höheren Personalaufwands jährlich knapp 1 Mio. €, ohne pädagogische Erfolge zu zeigen – Geld, das präventiv eingesetzt werden könnte. So sind in Berlin im Zuge der Reform die Klassengrößen von 29 auf 25 Kinder reduziert worden. Durch individuelle Förderung soll potenziellen Sitzenbleibern geholfen werden. Für sie existieren verpflichtende Förderpläne und das Programm „Duales Lernen“, in dem Schüler zur Motivationssteigerung mehrere Tage in der Woche in Betrieben oder Schulwerkstätten mitarbeiten.

Befürworter aus der Wissenschaft: Bessere Chancen durch Wiederholen

Zu einem anderen Ergebnis kommt eine Untersuchung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2004. Basis war die Befragung von 2.500 ehemaligen Schülern der Geburtsjahrgänge 1961 bis 1973. Die Quintessenz: „Wer eine Klasse wiederholt, hat gute Chancen, einen besseren Schulabschluss als vergleichbare Mitschüler zu erreichen, die immer versetzt wurden.“ Auf diese Studie bezieht sich Hans-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbandes: „Es ist Unfug zu glauben, mit dem Abschaffen des Sitzenbleibens seien alle Probleme gelöst.“ Er teilt die Gruppe der Wiederholer in 1/3 von Schülern, die mit individueller Förderung erreichbar seien, 1/3 der völlig Überforderten und 1/3 der Entwicklungsverzögerten, bei denen das Wiederholen einer Klasse sinnvoll sei.

Nordrhein-Westfalen folgt dieser Richtung und kippt die Wiederholer-Regelung in seiner Schulreform nicht. Die neue rot-grüne Regierung setzt darauf, dass die Schulen aus eigenem Antrieb die bei 2,4 % liegende SitzenbleiberQuote senken – beispielsweise durch die Beteiligung an dem Projekt „Komm mit“. Diese Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, mit verstärkter individueller Förderung die Zahl der Wiederholer vor allem in den Klassen 7–9 zu reduzieren, ohne dabei die generellen Leistungsanforderungen zu verringern.

Weiterführende Schulen gegen die Abschaffung des Wiederholens

Gegen die Abschaffung des Sitzenbleibens ist auch die Spitze des Deutschen Lehrerverbandes. Als „pädagogischen Unsinn“ bezeichnete dessen Präsident Josef Kraus die Abschaffung des Sitzenbleibens. Seine Kritik: „Eine Abschaffung käme einem Recht auf Wohlfühlschule mit Abiturvollkaskoanspruch gleich.“

Dass die Lehrerschaft in weiterführenden Schulen über die Neuerung nicht begeistert zu sein scheint, zeigt sich im Übrigen auch in Berlin. Denn neben den Sekundarschulen war auch den städtischen Gymnasien die Abschaffung des Wiederholens angeboten worden. Keine der 96 Schulen stellte diesen Antrag.


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